ΣΤ]ΟΡΓΗ – LEAKING VESSELS
Or The Fear of Feminine-Sounding Voices
Elke Auer & Yorgia Karidi

Im Griechischen schält sich die Wut (ORGI) aus der Zuneigung (STORGI) heraus.
In Griechenland schreiben sich Feminist*innen dieses Wort im Wort auf die Fahnen, sie eignen sich diese Zuschreibungen an und ziehen damit in den Kampf gegen Sexismus und Chauvinismus.

Mit [ΣΤ]ΟΡΓΗ – LEAKING VESSELS or The Fear of Feminine-Sounding Voices von Elke Auer & Yorgia Karidi zeigt das Kosmos Theater eine Hommage an Wut und Zuneigung der female* voices durch die Geschichte hindurch. Denn sowohl in der Antike, als auch heute noch, ist es den patriarchalen Kulturen ein großes Anliegen, diese Stimmen zu unterdrücken, zu pathologisieren, mundtot zu machen. Die Geschichte wiederholt sich. Immer. Und immer wieder. Auch 2021.

In einer Zeit der Pandemie bleiben die weiblichen* Stimmen leise, nicht stumm, aber ungehört, weil sie „beschäftigt“ sind, auf so vielen Ebenen beschäftigt, Multitasking galore sozusagen, mit Kinderbetreuung, Home Schooling, Home Caring und Home Office. Niemand sieht es und niemand kümmert sich darum, was da passiert in diesem „Home“ von dem doch alle die ganze Zeit sprechen. Dieses „Home“, wo um die Dunkelziffer von häuslichen Gewalttaten herumgeredet wird, wo geschwiegen wird 24/7.
Dagegen geht es weiterhin vorzugehen, mit Wut und Zuneigung, jetzt und über die Pandemie hinaus. Also wir bleiben laut und unruhig, auch im 21. Jahr des Kosmos. Denn weibliche* Stimmen fließen zu lassen, ihnen Raum zu geben und Allianzen zu bilden bleibt weiterhin unser Anliegen.

Enjoy the flow & let it grow!

[ΣΤ]ΟΡΓΗ
LEAKING VESSELS
Or the Fear of Feminine-Sounding Voices 
Elke Auer & Yorgia Karidi
Video, HD
2020

Putting a door on the female mouth has been an important project of patriarchal culture from antiquity to present day.
Its chief tactic is an ideological association of female sound with monstrosity, disorder and death.
(Anne Carson)

Feminist killjoys tend to spill all over the place. What a spillage. Feminist killjoys: a leaky container.
And so: Be careful, we leak.

(Sara Ahmed)

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Elke Auer über das Projekt:

[ΣΤ]ΟΡΓΗ, LEAKING VESSELS or the Fear of Feminine-Sounding Voices entstand aus dem Wunsch zu verstehen, was es bedeutet eine weiblich klingende Stimme in der Welt zu sein.

Ich ging dabei von einem Text von Anne Carson mit dem Titel “The Gender of Sound” aus, in dem es um die Monstrosität weiblicher Stimmen in der griechischen Mythologie geht und um Bilder von Frauen als undichte Gefäße, nass, instabil und unfähig, sich selbst einzudämmen, die in der gesamten griechischen Literatur immer wieder auftauchen. Im Gegensatz zur trockenen Stabilität und verbalen Kontinenz der Männer und der männlichen Tugend Sophrosyne.
Aber ein getrocknetes Tongefäß, gefüllt mit Wasser wird schnell wieder zu nassem, weichem, formbarem Dreck.
Eine Lektion im Rückgängigmachen starrer Formen.

Ich begann daher happy leaking vessels zu bauen.
Die während meiner Residency in Athen entstandenen Gefäße sind inspiriert von antiken Gefäßen, die ich in den Museen gesehen habe und von zwei Bildern aus Heide Göttner Abendroths Buch “Geschichte matriarchalischer Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats”. Eines mit dreidimensional aus der Wand kommenden Brüsten stammt aus einem neolithischen Durchgangsgrab in Kergüntuil in der Bretagne. Das andere zeigt sogenannte Pédras Marmúradas, neolithische Ahninnensteine auf Sardinien.

Das griechische Wort [ΣΤ]ΟΡΓΗ also [ST]ORGI ist ein Spiel mit dem griechischen Wort für Wut (ORGI) welches in dem Wort für Zuneigung (STORGI) zu finden ist. Griechische Feminist*innen schreiben sich das Wort im Wort auf ihre Fahnen. 
Artemis, Göttin der Jagd, des Waldes, des Mondes und Hüterin der Frauen und Kinder, wird immer wieder ein Wutproblem nachgesagt, das hat mich an Audre Lorde und ihre Aufforderung, unsere Wut nicht zu fürchten, sondern produktiv zu nutzen, erinnert.

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Elke Auer geboren 1980 in Graz, studierte an der Universität für angewandte Kunst in der Klasse von Karel Dudesek respektive Peter Weibel respektive Tom Fürstner. Seit ihrem Abschluss im Juni 2005 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in zumeist selbstorganisierten kollaborativen Zusammenhängen in der bildenden Kunst und als Videokünstlerin und Bühnenbildnerin am Theater. Gemeinsam mit Eva Jantschitsch und Esther Straganz hat sie das Magazin Cuntstunt herausgegeben und war von 2012 bis 2017 im Vorstand der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs. Atelierstipendien haben ihr längere Aufenthalte in London, Rom, Sao Paulo, NewYork und zuletzt in Athen ermöglicht. Sie hat in Wien, Graz, Salzburg, Ljubljana, Berlin, Belgrad, Bilbao, Bangkok, Krakau, São Paulo und London ausgestellt und mehrere Gruppenausstellungen in den Räumlichkeiten der VBKÖ kuratiert und organisiert. Sie lebt in Wien.

Yorgia Karidi geboren 1982 in Athen, ist Bildende Künstlerin, Musikerin und Performerin. Sie studierte Theater- und Filmwissenschaft (University of Patras & Freie Universität Berlin) und Neue Medien & Digitale Kunst (Athens School of Fine Arts). Sie hat sie mehrere Live-Radiosendungen kuratiert, Experimentalfilmen, Dokumentationen und Spielfilmen ihre Stimme geliehen und war in zahlreichen Theaterproduktionen sowohl als Komponistin als auch als Performerin involviert. Ihre Arbeiten wurden in den letzten Jahren unter anderem hier gezeigt: Museum of Cycladic Art, Stavros Niarchos Foundation Cultural Center, Athens and Epidaurus Festival, National Theater, French Institute Athen, Goethe Institut Athe