Kosmos Theater

Sound-Schwaden


von Theresa Luise Gindlstrasser

Ich habe soeben etwas zum ersten Mal getan. Nämlich: Ein Theater vor Ende der Vorstellung verlassen. Also, als eine solche die dort nicht oder nicht nur zum Privat-Vergnügen hingeht, sondern mit Agenda. Mit Text-Schreiberei-Agenda. Als eine solche habe ich soeben zum ersten Mal ein Theater vor Ende der Vorstellung verlassen. Und nebenbei gesagt, auch die Male bei denen ich ein Theater vor Ende einer Vorstellung als eine solche verlassen habe, die zum reinsten Privat-Vergnügen hingegangen wäre, kann ich an vier Fingern abzählen.

Mein schlechtes Gewissen hält sich jedoch in Grenzen. Ich war einfach müde. Wobei Müdigkeit ja eigentlich keine Kategorie darstellt im Rahmen eines Theater-Besuchs mit Text-Schreiberei-Agenda. Und auch noch dazu eher wenig über den heute erlebten Abend im KosmosTheater aussagt. Vielleicht noch etwas mehr dahingehend besagt, dass ich in Hinkunft die Zeitangabe „open end“ ernster nehmen werde und mich dementsprechend darauf vorbereiten und den nächsten Tag danach richten werde.

Wie es also dazu kam: Heute Abend war die nunmehr schon vorvorletzte Abendveranstaltung im Rahmen von Love Me Gender programmiert. Und zwar: Eine Musik-Performance von Eisklares Echo. Das sind Mia von Matt und Reto Pulfer. Und mit dem Wort Musik-Performance bin ich mitten dort gelandet, wo ich irgendwie eher wenig Problem damit habe, trotz Schreiberei-Agenda früher gegangen zu sein. Vor allem vor dem Hintergrund des dort Erlebten.

Aber genug. Jetzt zu meinem Erlebnisbericht inklusive Fragen an den Musikjournalismus.

Der Raum ist dunkel und die bunten Matten liegen zum Liegen einladend im Kreis rundherum um Matt und Pulfer. Die tragen hautenge, wahrscheinlich hautfarbene Ganzkörper-Anzüge und konzentrieren sich im Schneidersitz auf die sie umgebenden Instrumente. Gitarre, Keyboard, Kalimba, Mikrophon, Glocke und unendlich viele von diesen leuchtenden Effekt-Kastln sind wie magisch um die beiden herum arrangiert. Dieses auch der erste Gedanke: Während sich aus Vogelgeräuschen und Hubschrauber-Tönen ein langanhaltender Klang zusammenbraut, bin ich bereit für alles was da sonst noch an ritualigem und schamanigem auftauchen möge.

Aber: Ein kleines Mädchen steht mit auf der Bühne. Ich weiß nicht, kennen die sich, oder kennen die sich nicht. Sie geht vorsichtig, dann aber doch immer mehr auf die beiden Musik-Machenden zu und sitzt schließlich mit auf den bunten Matten. Ich bin verwirrt. Da wo ich sonst so hingehe, wenn ich Schreiberei-Agenda betreibe, nämlich hauptsächlich ins Sprechtheater, da stehen keine Mädchen auf der Bühne, wenn sie nicht dorthin choreographiert wurden. Oder wenn sie dort zu stehen kommen, dann werden sie von Eltern, Lehrenden oder Theater-Mitarbeitenden von der Bühne gepfiffen. Ist da etwas also ganz anderes los als Theater, nämlich ein Konzert, denke ich mir. Stimmt ja, die Türen stehen offen, die Menschen gehen ein und aus. Nun finde ich das toll, dass die da sein kann. Also das Mädchen. Auf der Bühne. Und finde es auch schwierig, weil sie über Kabeln und Gerätschaften und Schnüre immer nur fast nicht drüber fällt. Und mich das in abgelenkter Spannung hält.

Deshalb meine erste Frage an den Musikjournalismus: Wenn ich davon ausgehe, dass ein Konzert kein Elvis Konzert ist, bei dem die Bühne von Fans gestürmt wird, sondern ein Konzert, das sich aufgrund der ästhetischen Ausrichtung zu Recht als Musik-Performance bezeichnet: Soll ich das nun als Störung des Bildes verstehen oder als besonders charmantes Teilen mit dem Publikum?

So also habe ich die erste Stunde im Konzert erlebt. Die zweite begann für mich damit, dass auf der Bühne Ruhe einkehrte. Dann erst war es für mich möglich mich diesem so soghaften Klang irgendwie hinzugeben. Und das habe ich dann ausgiebig gemacht. Zwischen lila und türkis schwankten die Lichtstimmungen, zwischen treibend und verloren waberte der Sound. Bild und Ton also sind bei so einem Eisklares Echo Konzert wie Reisen mit dem Weltallgefährt, taumelig aufeinander abgestimmt.

Und so die zweite Frage: Was wären Worte um solcherlei Klangarrangements zu begreifen? Ich komme ja vom Text, also vom Theater, wie müsste ich da sprechen lernen von der Musik?

Dann aber fing die dritte Stunde an und ich bemerkte, dass ich am Einschlafen gewesen war. Deshalb hab ich noch kurz einen Kakao an der Bar getrunken und überlegt, was wohl zu tun wäre. Bis ich schließlich gegangen bin und mich nun also frage: Wie ist es denn ausgegangen?

Außerdem: Danke für die wunderschöne zweite Stunde, in der ich mich selber so verlieren konnte, dass ich mir erlaubt habe, dann etwas als erstes Mal zu tun.