Kosmos Theater

Der Körper als Karte


von Theresa Luise Gindlstrasser

Heute ist Europäische Theaternacht. Ich habe mich informiert: So ungefähr 400 Spielstätten quer in Europa, 70 sind es in Österreich, und überall mit pay as you wish. Keine Kaufkarten, das heißt in den meisten Fällen freie Platzwahl und also eine Aufforderung früh genug vor Vorstellungsbeginn da zu sein. Heißt außerdem, dass heute niemand, aber auch wirklich niemand eine Entschuldigung hat, nicht ins Theater zu gehen!

Naja. Außer jemand hat keine Lust, Zeit, ist müde, krank, hungrig oder findet keine der 70 Spielstätten im näheren Umkreis oder dieses pathetische Bühnensprechen blöd oder hat mit dieser Schöngeisterei schon lange abgeschlossen. Oder aber vielleicht grade dann. Europäische Theaternacht kann ja vielleicht sowas sein wie ein Tag der offenen Türe.

Wenn das KosmosTheater heute Abend seine Türen aufmacht, dann wird dort die Wiederholung der gestrigen ersten Vorstellung von Collateral Damage im Rahmen des Love Me Gender Festivals zu sehen sein. Dieser Abend, der sich vielleicht ein bisschen vorschnell als Live-Art-Performance bezeichnet, ist eine Zusammenarbeit von zwei Künstlerinnen. Gemeinsam nennen sie sich ROHN/WÆRSTED.

Ihre These für den Abend lautet: „Female bodies are territories to be conquered, claimed or marked.“ Der Zusammenhang stellt sich über den Verlauf der Vorstellung als Verbindung von Schönheitsoperationen mit weiblicher Genitalverstümmelung (female genital mutilation) mit Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen mit Kriegsgebiet im Ganzen dar. Das sind große Themen, die die beiden Frauen miteinander gegeneinander stellen. Dabei kommt einiges an Frischhaltefolie zum Einsatz. Diese dient als Verpackungsmaterial für dann entmenschlichte menschliche Körper. Als Schriftstück, als Fadenspiel, als Grenze zwischen Innen und Außen.

Inhaltlich überzeugt die große Menge an Zahlen, Daten, Fakten und Listen. Solchen Listen nämlich mit denen „All the reasons why...“ angegeben werden. Warum Frauen vergewaltigt werden, wozu es Grenzen gibt, warum ein Krieg begonnen wird, weshalb jemand sich für eine ästhetische Korrektur ihrer Vagina entscheidet und so weiter und so fort. „All the reasons why...“, das sind viele Gründe. Und doch erschließt sich ein Übergriff, ein Verbrechen, etc. nie über einen angebbaren Grund. Diese Tatsache hängt bedrohlich über dem Abend.