Kosmos Theater

Indirekt direkt


von Theresa Luise Gindlstrasser

Mit dem Ende fängt es an. Also mit dem Tod der fünfzig Söhne des Aigyptos. Beziehungsweise eigentlich mit dem Mord der fünfzig Töchter des Danaos an eben diesen Kerlen. Und Kerle sind es wirklich. Das Ensemble imaginiert die Bräutigame als Jogginganzug und Schnurrbart tragende Poser. Wenn dann die Breakdance Bewegungen zur Beeindruckung nicht mehr ausreichen, dann wechseln sie rüber ins Fach Ich-kann-den-Zungenbrecher-viel-schneller-sagen-als-wie-du. Diese Drag-Performance ist eine unter vielen Szenen, die durch ihren bestechenden Sinn fürs Tragik-Komische auffallen.

The Bride Project ist als Entwicklung zwischen dem Regie- und Autorinnen-Team Sina Heiss und Gabrielle Sinclair mit dem für das Projekt zusammen gestellten Ensemble entstanden. Der Verein „Lonesome George“ nennt sich zuständig für die „Förderung der Vielfältigkeit in Theater und Kunst“. Die Bearbeitung des Danaiden Mythos stellt die zweite Projektarbeit von „Lonesome George“ dar. Aischylos hat den Stoff im Drama „Die Schutzflehenden“ verarbeitet. Die Frage ob der König von Argos die vor ihren Bräutigamen fliehenden Bräute aufnehmen kann, soll oder muss ist die Frage nach dem Asylrecht. Elfriede Jelinek reagierte 2012 auf den Protestmarsch von Refugees aus dem Asylheim Traiskirchen nach Wien und die anschließende Besetzung der Votivkirche mit ihrem Text „Die Schutzbefohlenen“. Dabei kamen zum Aischylos Einfluss außerdem Bundesministerium für Inneres, Ovid und Heidegger. Das Theaterstück findet sich seither auf und ab auf den Spielplänen der Theaterhäuser im deutschsprachigen Raum oder im Repertoire freier, oft aktivistischer Gruppen.

Den Danaiden Mythos als Danaiden Mythos habe ich demgegenüber noch nie auf der Bühne gesehen. Aber vielleicht, so lautet meine überschwängliche These nach diesem überschwänglichen Abend, ermöglicht die Auseinandersetzung mit dem Text von Aischylos einen viel direkteren Zugriff auf das Thema Menschenrechte. Nicht nur im Theater, aber sehr viel im Theater, ist es ja so, dass Themen, die über Umwege angegangen werden, viel klarer und deutlicher zu Tage treten können. Das klingt jetzt ein bisschen so als würde ich die Geschichte von fünfzig fliehenden Frauen zum Nebenwiderspruch in der Geschichte von fliehenden Menschen erklären wollen. Das meine ich nun nicht gerade. Ich meine aber, dass durch die zeitliche Distanzierung in den Mythos hinein und die Fokussierung auf konkret persönliche wenngleich fiktive Biographien, die Menschenrechtskatastrophe in der wir leben und die wir immer nur mehr noch Mittelmeer oder Mauer nennen sozusagen über die Hinterbühne auftreten kann. Ich meine, eine solche Art der indirekt direkten Inszenierung erfordert einiges an Feinfühligkeit und ziemlich vieles an Klugheit. Insofern und ohne hier allzu viel über den Abend als Abend gesagt zu haben: Geht doch alle mal dahin! Das ist ein fabelhafter Theaterabend mit gelungenen Übergängen von Szene zu Szene, mit doppelten und dreifachen und vierfachen Böden, dabei einfach und zugänglich gestaltet. Geht doch alle mal dahin! Enjoy the show und schaut euch nebenbei mal an wie es vielleicht ist oder nicht oder wäre eine Frau zu sein in einer Welt von Männern, oder eine Fremde zu sein in einer Welt von Mauern. Überschwänglichkeit aus!
Ach, Überschwänglichkeit.


Bernhard Stadlbauer