Kosmos Theater

Anarchie und Fasnacht für alle!


von Johannes Siegmund

Das Gastspiel von „Les Reines Prochaines“ ist so luftig und leicht wie ein Sekträuschchen und dabei so abwechslungsreich wie eine ganze Cocktailbar. Die vier Performerinnen liefern eine Musikperformance voller absurder Anarchie. Schade, dass sich die nächsten Königinnen nur mit Pappkartons gekrönt haben, unter ihrer Herr- oder besser Frauschaft könnte ich mir durchaus vorstellen einige Wochen im Jahr zu leben. Wenn die Fasnacht in Basel so ist, sollten wir darüber nachdenken, die auch in Wien einzuführen.

In ihrer aktuellen Musikrevue haben sich die Basler Performerinnen vorgenommen die Welt zurück zu kaufen und zwar mit allem drum und dran: Straßenbahnen und ein Teil der Weltliteratur, Naturkatastrophen und schmelzende Gletscher, einen Wasserfall, Epidemien und auch etwas Schimmel. Aber wem gehört das alles? Kann man Käferbefall, Buchstaben und Naturkatastrophen eigentlich besitzen? Und wo sollen die vier mit dem Rückkauf der Welt anfangen? Fränzi Madörin berichtet lakonisch und direkt: Sie hätten mit einem Altenheim begonnen und dafür wegen finanzieller Engpässe erst einmal einen Keller gekauft. Kapitalismuskritik wird humorvoll in absurde Bilder gepackt und häppchenweise in Songs serviert. Entfremdung von Alltagssituationen ist das Mittel der Wahl und viel Schattenspiel.

Die musikalische Bandbreite der Performerinnen reicht dabei von Balkanbrass über französisches Weltschmerzchanson, zu Pop und 1920er Jahre Revuenummern. Saxophon, Trompete, Klarinette, Horn und Bassgitarre werden virtuos gespielt. Es gibt traurige Songs, lustige Songs, seltsame Songs und schmissige Songs. Zu den Songs werden halbironisch sexy Dancemoves geliefert und die Möglichkeiten des Schattenspiels ausgekostet.

So groß wie die musikalische Bandbreite, so weit reichen auch die Themen. Die ideale Bluse wird besungen und ein Zoo im Hochhaus geplant. Das Mittelmaß gelobt und dem Fortschritt für all die Probleme gedankt.

Der Abend lädt ein einfach mal alles anders zu machen und dabei vor allem keine Angst vor Peinlichkeit oder Unsinn zu haben. Denn das ist überhaupt nicht notwendig: Egal wie wir mit den Erfindungen der modernen Welt umgehen. Die Welt selbst ist so absurd, das lässt sich sowieso nicht toppen. Das beweist auch die Lobeshymne auf den Fortschritt: Die vier Königinnen besingen all die Erfindungen wie Telefone, Atombomben, Rollatoren und die Demokratie. Ihr Schluss ist: Erfinden ist nicht schwer, Probleme ergeben sich vor allem in der Anwendung.

Wie die Königinnen in Wien, habe ich heute auch ein Gastspiel auf Theresas Festivalblog. Für Dich, Theresa, und für alle, die noch nicht im Stück waren, ist hier eine kleine Liste davon, was ich gelernt habe: Auch ein älteres Tier hat nach dem Tod ein Recht auf Wiederverwertung. Schlafen ist ein rebellischer Akt. Statistik kommt von Stadt. An Tortendiagrammen sind vor allem die Torten interessant. Es ist einfacher zu Handeln als zu Denken.
Und außerdem: Wusstest Du warum es die Anarchie so schwer hat sich durchzusetzen? Weil sie nach der Hierarchie erfunden wurde und sich dummerweise alle schon an die Unterordnung gewöhnt hatten.